Selbstfindungsreise Nepal Teil 2

Wie ich dort ankam…

Fortsetzung von Teil 1

Innerhalb der verbleibenden 5 Tage traf ich also alle notwendigen organisatorischen Reisevorbereitungen – dazu gehörte neben der Besorgung von noch fehlender Trekkingausstattung wie ein großer Rucksack auch die Impfung gegen Hepatitis, Typhus und Tollwut. Ich erinnere mich noch genau an die Reiseärztin, die erst einmal beide Hände über dem Kopf zusammenschlug und mir erklärte, wie ich genau an Tollwut (Anm.: in Nepal gibt es extrem viele Straßenhunde) sterben würde, weil wir die nötigen 3 Impfzyklen im vorgeschriebenen Abstand vor Reiseantritt nicht mehr alle schaffen. Ich glaube sie wäre zufriedener gewesen, wenn ich mich an dieser Stelle gegen eine Impfung und für einen Reiserücktritt entschieden hätte – aber diese Option stand nicht zur Debatte! Der nächste Schritt war nun ganz eindeutig aus meiner verbliebenen Komfortzone auszutreten und dieses Restrisiko in Kauf zu nehmen. Denn nur 4 Tage später ging ja der Flug!

Der Weg des Herzens ist der Weg des Mutes.

OSHO – aus dem Buch „Mut – lebe wild und gefährlich“

Als ich also nach einem vollgepackten Wochenende – mein 40. Geburtstag wurde gebührend mit einem Auftritt in meiner Band gefeiert – am Montagmorgen vor dem Flug noch meinen Rucksack für die 3-wöchige Reise gepackt hatte, brachte mich ein geschätzter Freund zum Flughafen. Ich war aber ordentlich verspult, denn auf dem Weg zum Auto hatte ich schon zum ersten Mal auf meiner Reise mit dem Thema Anhaftung und Loslassen zu tun, als ich eine an sich völlig unwichtige Kleinigkeit verlor – aber dazu später mehr.

Beim Check-In wurde mir erst so richtig klar, dass ich jetzt wirklich auf die große Reise ins unbekannte Land gehen würde, als ich das Zwischenziel Qatar auf der Anzeigetafel las. Ich war zwar nicht der einzige Backpacker am Flughafen, aber dennoch einer der wenigen – beim Blick auf die anderen Kofferreisenden wurde mir klar, welches Abenteuer diese Reise eigentlich für mich bereithalten sollte. Das eigentliche Reiseziel war der Weg. Der unbekannte Weg zu mir. Ich war auf der Suche nach innerer Freiheit. Ich war also unfassbar aufgeregt, aber auch in freudiger Erwartung auf das, was mir unterwegs begegnen würde.

Du brauchst sehr viel Mut, um Deine Bestimmung erfüllen zu können.

OSHO – aus dem Buch „Mut – lebe wild und gefährlich“

Schon im Flieger löste sich jedoch meine Anspannung und wandelte sich in unfassbar große Aufgeschlossenheit und Kontaktfreude, denn ich kam direkt mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch: ein nach Hongkong ausgewanderter Tierarzt aus Bayern, der mit deutlichem englischen Akzent sprach, da er schon sehr lange im Ausland lebt. Seine Geschichte brachte meine Gedanken zum ersten Mal dahin, was es wohl bedeutet sich in eine völlig fremde Kultur einzuleben. Und das dauerhaft. Also alles Bekannte und Gewohnte aufzugeben, um sich seiner eigenen Angst zu stellen. Der Angst vor dem Unbekannten. Und zu wachsen. Dauerhaft. Meine Abenteuerlust war jetzt endgültig geweckt!

So richtig bewusst wurde mir meine Reise in einen völlig neuen Kulturkreis aber erst beim Umstieg in Qatar, wo sich nach einem 3-stündigen Aufenthalt mitten in der Nacht die ethnische Zusammensetzung der Flugreisenden für die zweite Etappe auf einmal komplett veränderte. Meine eigene Unsicherheit, aber auch die große Neugier, die das Unbekannte auf mich ausübte, war zum ersten Mal deutlich spürbar. Und mir wurde an dieser Stelle erst richtig klar, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich freute mich innerlich so unendlich darüber.

Und während dir die Schönheit des Unbekannten immer vertrauter wird, wird eine neue Qualität in dir heranwachsen.

OSHO – aus dem Buch „Mut – lebe wild und gefährlich“

Gegen Ende dieses letzten Flugreiseabschnitts wurde es dann schon etwas unruhiger. Die nepalesischen Mitreisenden, die wie ich später erfuhr im Ausland arbeiten, um ihre Familie zu Hause zu ernähren, sind deutlich einfachere Menschen, die nicht so sehr auf äussere Etikette und Erwartungen anderer achten wie wir, die Dinge also viel unbekümmerter nehmen. Das wurde mir bei unserer Landung ganz bewusst, als es ziemlich chaotisch wurde. Wir konnten nämlich erst nach einer langen Verzögerung überhaupt erst zum Landeanflug ansetzen und mussten dann auch noch ewig lange auf dem Rollfeld auf unsere Parkposition warten, weil ein anderer Flieger liegen geblieben war und das Rollfeld blockierte. Das ist hier aber völlig normal und überhaupt nicht ungewöhnlich, wie mir im Laufe der weiteren Reise noch viel deutlicher werden sollte. Die Wartung von Maschinen jeglicher Art wird hier etwa völlig pragmatisch gehandhabt, da fällt halt einfach mal was aus, weil es eben nur provisorisch repariert wurde. Deshalb dürfen nepalesische Airlines auch nicht mehr in den europäischen Luftraum einfliegen und 3 davon stehen in den Top 13 der gefährlichsten Airlines der Welt. Stört aber dort wohl keinen wirklich.

Es ist besser, unvollkommen anzupacken, als perfekt zu zögern.

Thomas Edison

Da ich aber schon so in meiner Ruhe und Entspannung war, ließ ich mich dort auch überhaupt nicht heraus reißen – wir kommen halt an, wenn wir ankommen. Und das passt dann genau so. Die Dinge annehmen wie sie sind, das ist die große Herausforderung, die ich im Lauf der Reise noch weiter verinnerlichen durfte.

Das ging direkt im Ankunftsbereich so weiter, wo für westliche Verhältnisse völliges Chaos herrschte. Da kümmert es keinen, wenn die Sicherheitsschleuse piept, oder ob irgendetwas auf der Anzeigetafel richtig angezeigt wird, wie etwa an welchem Band das Gepäck aus der Maschine ausgegeben wird. Es heißt halt sich selbst zu orientieren und intuitiv das richtige Band zu finden. Ich stellte mich also dort an, wo die meisten mir bekannten Gesichert aus dem Flieger standen, und habe gehofft, dass mein Rucksack dort dann auch irgendwann rauskommt. So war es zum Glück dann auch. Situation angenommen, damit arrangiert, in der Ruhe geblieben und einfach abgewartet. Trotz Unsicherheit durch das fremde System. Ein irre geiles Gefühl.

Je furchtloser ein Mensch ist, desto weniger gebraucht er den Verstand. Je mehr Angst er hat, desto mehr denkt er nach.

OSHO – aus dem Buch „Mut – lebe wild und gefährlich“

Nach dem Geldwechsel wurde ich dann von meinem Fahrer abgeholt, der draußen in der unüberschaubaren Menge der um Fahrgäste buhlenden Taxifahrer mit einem Schild auf mich wartete. Da war sie wieder, meine klitzekleine Komfortzone. Und mein superlieber Guide Manik sprach sogar Deutsch, zwar mit starkem Akzent, aber ich fühlte mich wohlig aufgehoben im Chaos der fremden Kultur. Er führte mich zu unserem Fahrer und seinem old-school Mahindra-SUV, wo ich erst einmal mit einem Tuch empfangen wurde, das mir um den Hals gelegt wurde, was dort wohl Tradition ist. Wir fuhren dann in einem für mich völlig ungewohnten „kreuz-und-quer“ Fahrstil durch den für mich ebenso völlig unstrukturierten Stadtverkehr. Es wackelte und knatterte. Roller überall, links, rechts, vorne, hinten.

Autos die sich unkoordiniert zu überholen schienen, am laufenden Band tiefen Schlaglöchern auswichen oder über doppelt durchgezogene Mittelstreifen bei offensichtlich entgegenkommendem Schwerlastverkehr trotzdem unbekümmert zum sicheren Überholvorgang ansetzten. Unfassbar. Ich war total überwältigt, da ich das bisher so nur aus den Videos aus dem Internet kannte, die ich mir vorher anschaute – und nun war ich wirklich hier. Krass. Einfach krass. Mittendrin im Dieselfeinstaub, den dreckigen Straßen und dem Plastikmüll, der überall am Straßenrand und in den Flussbetten lag. Werkstätten am Straßenrand, in denen mit einfachsten Mitteln und ohne ausgebildete Fachkräfte Fahrzeuge jeglicher Art repariert wurden. Dazwischen Bauern, die ihre Lebensmittel verkauften. Unfertige Häuser. Ampeln gibt es nicht. Ab und zu mal Polizei, die Kreuzungsverkehr regelte, aber fragt mich nicht nach welchem System. Es war keines zu erkennen.

Mut heißt, voller Angst zu sein, aber sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.

OSHO – aus dem Buch „Mut – lebe wild und gefährlich“

Schließlich kam ich dann völlig unbeschadet im Hotel an, das hier wie sich später noch zeigte zur Oberklasse gehören sollte. Versteckt in einer kleinen Seitenstraße, die stark bergauf ging und aus völlig zerklüfteter lehmiger Erde bestand. Ich konnte zunächst nicht glauben, dass hier meine Unterkunft sein sollte. Aber als sich dann rechts ein großes Tor öffnete und uns ein Sicherheitsmann um die enge Kurve in die Einfahrt des luxuriösen Anwesens lotste, kam mein Sicherheitsgefühl zurück. Ich wurde herzlich empfangen und von den jungen Angestellten in mein Zimmer gebracht. Dort atmete ich erst einmal tief durch, schaute sprachlos durch mein großes Fenster auf das verregnete Bergpanorama von Kathmandu und realisierte: ich war angekommen. Bei mir. Denn ich hatte alles dabei, was ich für meine Mission brauchte. Ich trage es bereits in mir. Das war das Gefühl der inneren Freiheit. Ich hatte es gefunden!

Ich habe das Glück entdeckt, es ist in mir. Dafür muss man manchmal erst weit weg reisen.

Anna Bach

Das Video von Anna Bach auf SWR beschreibt ziemlich trefflich (Min. 5:10), was dort in mir passiert ist. Und es sollte sich im Lauf der Reise noch viel weiter potenzieren…