Die Angst vor Ablehnung – wie du positive Erfahrungen vermeidest

Kennst du das auch? Du lernst jemanden kennen, spürst sofort die besondere Schwingung zwischen dir und dem anderen Menschen, traust dich aber nicht unverblümt darauf aufzubauen und deinem Feingefühl zu vertrauen. Du redest dir ein, dass es ja sein könnte, dass du mit deiner Einschätzung falsch liegst und nur du dieses gute Gefühl hattest. Oder du bist davon überzeugt etwas Gutes, etwas Richtiges zu tun, aber dir kommen schon vorher tausende Gedanken in den Kopf, was dabei alles schief gehen könnte und wie dich die anderen dann runtermachen. Vielleicht aber auch andersrum: du tust es, ziehst es durch, und es ist auch richtig gut gemeint, aber es kommt trotzdem nicht so an wie du es erwartet hast. Du verurteilst dich, fühlst dich abgelehnt, ziehst dich zurück.

WTF?! Warum tust du dir das an?! Tief in dir weißt du doch, dass du richtig liegst, aber irgendetwas in dir hält dich davon ab es zu glauben. „Das ist doch viel zu schön, um wahr zu sein.“ „Beim letzten Mal bin ich auch enttäuscht worden, als ich daran geglaubt habe.“ „Lieber bleibe ich erstmal vorsichtig und warte ab, wie sich der andere verhält.“ Oder: „Es war doch klar, dass es nicht gut ankommt – ich habe wieder alles falsch gemacht.“ Und schon bist du dank deiner ganzen Glaubenssätze wieder oder immer noch in deinen alten Mustern unterwegs, die durch deine Prägungen, Vorbilder wie Eltern, Geschwister oder TV-Figuren und deine Umwelt entstanden sind. “Ich war wieder nicht gut genug.” Und sofort beginnst du dieselben psychologischen Spiele wieder zu spielen, die dir vorgelebt wurden. Die anderen leiden aber dann genau unter deinen Spielchen der Unsicherheit und lehnen dich deswegen ab, nicht aufgrund deiner eigentlich guten Intention, der du misstraust. Oder das gleiche passiert gerade bei deinem Gegenüber, und dort werden alte Emotionen getriggert – das hat aber nicht zwingend etwas direkt mit dir zu tun. Womöglich hast du genau sein Thema getroffen.

Warum schaffst du es also nicht deiner eigentlich positiven Erfahrung zu vertrauen und mutig danach zu handeln, was sich für dich gerade richtig anfühlt? Oder bleibst einfach unbeeindruckt von der womöglich ungerechtfertigten negativen Reaktion deines Gegenübers?

Wilder Penfield, der kanadische Neurochirurg, hat seit 1951 in Versuchen mit Epilepsiepatienten, die er mit elektrischen Sonden am Schläfenlappen der Großhirnrinde stimulierte, untersucht, wie wir Erinnerungen speichern. Dabei hat er herausgefunden, dass wir nicht die Erinnerung selbst abspeichern, sondern das damit verbundene Gefühl. Und all diese Gefühle speichern wir ein Leben lang seit unserer Geburt (vermutlich schon vorher im Mutterleib) kontinuierlich wie eine Flugzeug-Blackbox ab. Alles, was wir bewusst erleben, wird dort detailliert und fortlaufend aufgezeichnet, ohne Pause. Und dann wird beim Abrufen der Erinnerung die eigentliche Situation auf Basis des Gefühls, das wir dabei noch einmal neu erleben, so als wäre es gerade in diesem Moment erst entstanden, rekonstruiert. Damit wird aber schnell klar, was das eigentlich bedeutet. Richtig, eine hohe Fehlerquote! Denn es kann damals auch etwas anders gewesen sein, auch wenn wir glauben es war ganz genau so wie wir er gerade erinnern. Oder die neue Situation ist tatsächlich ganz anders, auch wenn wir sie mit der alten Erinnerung und damit fälschlicherweise dem zugehörigen (unangenehmen) Gefühl verknüpfen. Freeze.

In jedem Fall erklärt sich dadurch, warum wir bestimmte Reaktionen vermeiden, die wir mit dem gespeicherten Gefühl aus unserem Erfahrungsgedächtnis verknüpfen. Denn wenn wir gelernt haben, dass uns etwas geschadet hat – z.B. das Vertrauen auf unser Bauchgefühl, was ja allein schon als viel zu allgemeine Pauschalisierung fehlerbehaftet ist – oder wir zumindest eine unangenehme Erfahrung durch etwa eine erlebte Ablehnung gemacht haben, werden wir versuchen diese erneute Erfahrung künftig zu vermeiden. Gleichzeitig hindert uns aber auch genau das daran, neue positive Erfahrungen zu machen! Denn wie wir gerade von Wilder Penfield gelernt haben, rekonstruieren wir die eigentliche Erinnerung ja erst aus dem abgespeicherten Gefühl. Und das bedeutet wir können gar nicht wissen, ob die aktuell erlebte Situation wieder in dieselbe Reaktion mündet, auch wenn sie uns an das alte Gefühl erinnert! Das sind reine Projektionen. Somit verwehren wir uns aber auch durch diese Vermeidungsstrategie einer neuen womöglich besseren Erfahrung.

Ergänzend kommt hinzu, dass wir Menschen so programmiert sind, dass wenn wir unser Ziel nicht so erreichen, wie wir es erhofft hatten, wir automatisch die Strategie „mehr desselben“ anwenden, anstatt mal etwas anderes zu versuchen. Also wiederholen und verstärken wir unser tatsächlich gar nicht zielführendes Verhalten so lange, bis wir entweder verzweifelt aufgeben oder erkennen, dass wir vielleicht einmal daran arbeiten solten, herauszufinden was denn wirklich falsch läuft – denn vielleicht war es ja gar nicht das was wir zunächst geglaubt haben. Perspektivwechsel. Und genau den schaffen wir in aller Regel entgegen unserem eigenen Glauben nicht, ohne einen externen Blickwinkel hinzuzuziehen und nicht dem eigenen bewertenden Urteil oder gar dem der besten Freundin zu vertrauen, die womöglich auch unbewusst aus ihren eigenen Komplementärmotiven handelt. „Es war doch klar, dass der Typ nicht auf dich steht!“ Gesagt womöglich aus der eigenen Angst heraus du könntest etwas besser machen als sie…

Kommen wir also zurück auf unsere Ausgangssituation: du hast jemanden kennengelernt, mit dem du eine gute Schwingung hast. Du bist neugierig auf diese Person geworden und möchtest ihr das möglichst direkt und unverfälscht zurückspiegeln, hast aber Angst davor von ihr abgelehnt zu werden – es könnte ja sein, dass sie dich doch ganz anders sieht und dein Bauchgefühl falsch war. Was du nicht herausfinden wirst, wenn du immer „mehr desselben“ versuchst. Wie kannst du also aus dieser Sackgasse herauskommen, ohne die psychologischen Spiele immer und immer wieder zu spielen, die dich eigentlich davor schützen sollen enttäuscht zu werden, dich de facto aber gerade erst dort hinein manövrieren?!

Just fuckin‘ do it! Sprich sie an. Tu was sich für dich im Moment richtig anfühlt. Vertraue deiner Intuition. Und sei radikal ehrlich. Denn was hilft es dir, wenn du dich jetzt um eine gute Erfahrung betrügst, nur um eine angenommen (!) negative zu vermeiden. Sprich deine Eindrücke und Bedürfnisse aus, sei direkt und gib deiner Bekanntschaft die Chance dich authentisch kennenzulernen, nicht als Spieler deiner alten Spiele. Wenn er dich so nicht annimmt, wird es auch durch deine alte Vermeidungstaktik nicht besser, sondern nur zäher, verkopfter und unangenehmer für euch beide. Wenn du jetzt aber von Anfang an eine offene Gesprächsbasis schaffst, besteht die großartige Chance, dass ihr euch auf Augenhöhe begegnet und nicht vom ersten Moment an (selbst) betrügt. Und du eine neue Erfahrung sammelst! Yay, es funktioniert. Die angenommene Enttäuschung bleibt aus. Oder die Ablehnung hatte gar nichts mit dir zu tun, was du nur meist gar nicht erfährst, wenn du ihr aus dem Weg gehst, nicht nachfrägst und alles sofort auf dich beziehst.

Bleib du selbst, bleib bei dir, ganz präsent in diesem Moment, und versteif dich nicht auf angenommene Szenarien, die dein Verstand sicher schon alle für dich parat hat. Denk daran, es könnte auch völlig anders werden, viel besser als es dein Kopf je für möglich halten könnte. Und nimm an was kommt. Aber bitte bestraf dich nicht, wenn es doch anders wird. Das heißt alles noch gar nichts. Lass es frei laufen, gib der Begegnung Luft zu atmen. Ein Samen braucht auch viel Wasser, Licht & Liebe, und du ganz viel Geduld und Vertrauen, um ihn wachsen zu sehen. Nur weil du weißt, dass aus ihm mal eine große Pflanze werden kann, wächst er nicht schneller. Oder besser. Aber wenn du ihm die nötige Aufmerksamkeit schenkst, ihm Raum gibst sich zu entfalten, kann aus ihm etwas ganz großartiges entstehen und er in seine volle Kraft kommen…

Genau wie du und deine Intuition!

Kommt jetzt in deine Kraft – just fuckin‘ do it!

Dein Manuel

Disclaimer:

All diese Schilderungen beruhen neben gewonnenen psychologischen Erkenntnissen auf meinen ganz eigenen Erfahrungen als hochsensitiver Mann, die ich selbst gemacht habe. Daher weiß ich ganz genau wie schwer es ist, seine alten Limitierungen zu überwinden – wieviel Geduld, Selbstliebe und Vergebung es dazu braucht. Aber auch was durch mutige Schritte alles erst möglich wird! Wenn du dir dabei Unterstützung wünscht, deine wunden Punkte mal etwas genauer betrachten möchtest, lernen willst wie du dein emotionales Erfahrungsgedächtnis austricksen kannst, dann sprich mit mir – als systemischer Coach unterstütze ich dich gerne dabei dein System besser kennenzulernen und neue Wege zu gehen, die dich endlich an dein Ziel bringen.

Im obigen Text habe ich ganz bewusst immer wieder zwischen den Geschlechtern gewechselt, um die Beispiele möglichst neutral zu halten und auf deine Situation anwendbar zu machen. Du kannst sie gedanklich so einsetzen wie es für deine eigene Erfahrung am besten passt. Die Freundin kann auch ein Freund, Kumpel o.ä. sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.